Sonntag, 7. März 2010

Vorwort

Beim Beten und bei der Schriftlesung habe ich manchmal Mühe, mich zu konzentrieren. Die Gedanken gehen spazieren. Ich merke das, rufe mich zur Ordnung, und schon im nächsten Augenblick bin ich wieder nicht „bei der Sache“.

Das scheint ein Problem vieler postmoderner Zeitgenossen oder des Menschen ganz allgemein zu sein. Und doch gibt es eine Sehnsucht zu verweilen, um „aus der Quelle zu trinken“ – eine Sehnsucht nach Gott. Was also tun? Die längere und eingehende Betrachtung der heiligen Schrift, vor allem der Evangelien, scheint mir ein guter Weg zu sein, mit Christus auf Tuchfühlung zu gehen, den „Geschmack“ seines Gott offenbarenden Erdenlebens zu kosten. Was kann helfen, beim Text, beim „Bild“ der jeweiligen biblischen Szene und damit bei Christus zu bleiben?

In meinen Exerzitien habe ich mich in das tägliche Rosenkranzgebet eingeübt und erfahren, daß diese schlichte Form der Christusmeditation an der Hand der Gottesmutter meine Gedanken bei Christus hält oder wieder zu ihm zurückführt. Christus ist ja mit den „Geheimnissen“ seines Lebens die Mitte eines jeden „Ave Maria“ des Rosenkranzes. Ich habe einmal die Formulierung gehört, das „Gegrüßet seist du, Maria“ sei wie eine Monstranz, in deren Mitte Christus ist. Ist dieses Bild auch vielleicht ein wenig blumig, so stimmt es doch in seinem Inhalt – und überzeugte mich.

Durch meine gute Erfahrung mit dem Rosenkranz, den ich nun täglich bete, kam ich auf den Gedanken, aus den Evangelien Rosenkranzgesätze zu formulieren. Zunächst las ich immer ein Kapitel des Evangeliums, versuchte zu begreifen, was gesagt wurde, die Struktur zu durchdringen, das Wesentliche zu ergründen. Für die Schriftbetrachtung suchte ich nun im Text nach Aussagen über Jesus, aus denen sich Relativsätze für das Rosenkranzgebet bilden ließen. Dann formulierte ich aus dem Text fünf Aussagen über Jesus für die fünf „Gesätze“ des Rosenkranzes: d.h. für die Blöcke von je 10 kleinen Perlen, zu denen man das „Gegrüßet seist du, Maria“ betet. Immer nach dem Namen „Jesus“ fügte ich Relativsätze ein (z.B.: „der für uns geboren worden ist.“). Diese Relativsätze („Geheimnisse“) entnahm ich also dem Bibeltext und gewann so quasi das Jesus-Konzentrat des Evangeliums. Mit diesem Rosenkranz wurde es mir nun leicht, den Erlöser zu betrachten, wie der heilige Text ihn verkündet.

Als ich Pfarrer einer Pfarrei wurde, in der ich jeden Sonntag zu predigen hatte, konnte ich meine bisherige Art der Predigtvorbereitung nicht beibehalten. Bis dahin hatte ich meine Predigten in der Regel schriftlich ausgearbeitet. Die Zeit hierfür hatte ich als Pfarrer nicht mehr. Von den Rosenkranzgeheimnissen zu den einzelnen Kapiteln der Evangelien her kam ich auf den Gedanken, zur Predigtvorbereitung das Entsprechende mit den Evangelienabschnitten der Sonntagsmesse zu tun.

Ich entdeckte, daß der große Romano Guardini dasselbe bereits für die Sonntage der alten Leseordnung getan hatte – seine Betrachtungssätze habe ich hier mit aufgenommen, wenngleich sie an einigen Stellen korrigiert werden mußten, was am entsprechenden Ort angemerkt ist. Das liegt daran, daß Guardini zur Betrachtung anstelle des „Gegrüßet seist du, Maria“ ein an Christus gerichtetes Gebet formuliert hat, das sich aber, soweit ich sehe, nicht durchgesetzt hat. Ich verwende darum das Ave Maria, und so mußten Betrachtungssätze grammatisch angepaßt werden.

Für die neue Leseordnung Pauls VI. habe ich die Geheimnisse jeweils vor dem entsprechenden Sonntag formuliert. Sie sind weit weniger „wohlgesetzt“ und erreichen nicht annähernd die poetische Vollkommenheit derer Guardinis, da sich sich enger an den biblischen Text halten, denn sie sollen der Schriftbetrachtung dienen. Ich habe diese Sätze auf einen Zettel geschrieben und die Woche über als Vorbereitung auf die Sonntagspredigt gebetet. Dann noch ein Blick in einen Kommentar, ein Gebet um den Heiligen Geist, und in der Regel sind die Predigten einigermaßen gelungen, wobei dieses Urteil mir natürlich nicht zusteht.

Für die Sonntagsevangelien ergeben sich oft mehr als fünf Geheimnisse. Ich habe sie nicht auf fünf reduziert, wenn ich die weiteren Détails für wert hielt, festgehalten zu werden. In diesen Fällen habe ich fünf Geheimnisse ausgewählt, die mir besonders wichtig erschienen, und die übrigen eingeklammert. So kann man wählen, ob man bei fünf Gesätzen bleibt oder mehr betet. Gegebenenfalls ändern sich dann die Formulierungen, etwa wenn im zweiten Geheimnis auf das erste sprachlich Bezug genommen wird („die Jünger“ – „sie“), dieses erste aber als eines der eingeklammerten nicht gebetet werden soll. In diesem Fall ist die alternative Formulierung in Klammern angegeben.

Alle Rosenkränze zu den Sonn- und Festtagen im Kirchenjahr habe ich mit einem passenden Versikel und der betreffenden Oration (Kirchen-/Tagesgebet) versehen, um so dem Gebet einen liturgischen Abschluß zu geben.

Die Texte der Orationen entsprechen für die gregorianische Ordnung dem des Römischen Meßbuches von 1965 („Altarmeßbuch“), der einzigen amtlich-liturgischen Fassung der Gebete des alten Missale in deutscher Sprache. Die Orationen in der paulinischen Ordnung sind dem Römischen Meßbuch der aktuell gültigen deutschen Fassung von 1975 entnommen.

Ottmarsbocholt am Christkönigsfest 2009

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